Gründlich

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Ein Winterabend, irgendwann Anfang der achtziger Jahre in Brandenburg an der Havel. Ein kleiner Junge fährt um 17.00 mit der Straßenbahn aus Hohenstücken bis zur Haltestelle Kanalstraße, rennt ohne zu schauen, die Treppe hinab, an der Turnhalle vorbei bis vor zum Messel-Platz. Die Anderen empfangen den Jungen mit einer Ladung Geschossen aus Braunkohle, die am Seiteneingang des Stadtbades fein säuberlich aufgehäuft liegt und mit einer leichten Schneeschicht bedeckt ist.

Die Garderobe dürfen die Jungs erst um 17.45 betreten, jede Minute eher würde ein Feuerwerk an Schimpfworten von den Garderobefrauen im Erdgeschoss bedeuten – „Ruhe beim Umziehen!! Sonst fliegt ihr raus!“ Barfuß geht es dann in die Dusche, schön außen durch den Gang, bloß nicht in der Mitte durch, das hätte den sofortigen Rauswurf zur Folge gehabt.

Und dann – willkommen in der Dusche – mittendrin dieses Schild, das bestimmt so alt wie das Bad selbst ist.  Dieses Schild hat sich im Geiste quasi eingebrannt – „Vor dem Betreten der Schwimmhalle ist der Körper ohne Badebekleidung gründlich mit Seife zu reinigen.“ Vor allem „ ohne Badebekleidung gründlich“ … alle Jungs versuchen natürlich, dies zu umgehen – aber keine Chance. Niemand entgeht der doppelten Kontrolle: In der Dusche die wachen Augen der Lieblingsgarderobenfrau und zwei Treppen höher – DER SCHWIMMMEISTER, nicht nur irgendein Schwimmmeister – nein, der leitende Schwimmmeister.
Als gut erzogener Junge mit 12 dusche ich, natürlich unbekleidet mit Seife, und weil es kalt ist, trockne ich mich ab. Ich gehe die Treppe hoch, will in die Schwimmhalle und –  „Hast du denn nicht geduscht? Du bist ja ganz trocken! Ab runter, duschen und gründlich!“ Da ist sogar der Trainer ruhig, der eigentlich schon mit seiner Ansprache beginnen will. Aber es hilft alles nichts, ich muss noch einmal runter und vor den hämisch blitzenden Augen der Garderobenfrau den Anweisungen des Schildes Folge leisten….

Den Schwimmmeister habe ich am Wochenende wiedergetroffen – freundschaftlich und voller Achtung begrüßen wir uns mit festem Händedruck und Schlag auf die Schulter.

Wohl wissend, wie lange wir uns schon kennen.

Wohl wissend, wie sehr ich ihn vor fast 35 Jahren gefürchtet habe.

Wohl wissend, wie ich mich unbekleidet und gründlich mit Seife reinigen musste.

Wohl wissend, dass ich gestern das Schild zufällig wiederentdeckt habe.

 

Dennis Bohne

 

 

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